Die Zukunft im Brunnen

Brunnen_Festung_Koenigstein_2007_04_22

Der Junge pinselt Wolken, lebhafte weiße Wesen, die sich verwandeln, immer und immer wieder, in Gestalten, Gesichter, Gegenstände. Er umrahmt sie mit einem hellblauen Himmel. Die Wasserfarben, die er dazu verwendet, sind mehr Wasser als Farbe, so dass der Himmel erst schwimmt, dann tropft, und es schließlich die Farbe von oben herabregnet. Die Schulfenster färben sich bläulich.

Tiere schauen nicht in den Himmel, sagt der Lehrer, nur der Mensch blickt himmelwärts.

Der Lehrer legt seine gipsernen Finger auf die Hand des Jungen. Es sind reine Hände, nicht die eines Sünders. Unschuldig sind sie, weiß wie sein Römerkragen, der so eng geschnitten ist, dass er seinen Atem schneidet. Der Zeigefinger des Lehrers deutet jetzt an die Schulzimmerdecke, die Kinder aber heben die Köpfe und sehen den Himmel nicht. Nur der Junge sieht ihn, er hat ihn gemalt. Der Lehrer kreidet mit seinen Fingern Zeichen an die Tafel: einen Mond, einen Stern, ein Kreuz, eine Dreißig mit einer Augenbraue. Mit jedem Zeichen werden die Finger des Lehrers etwas kürzer. Eines Tages bleiben dem Lehrer keine Hände mehr fürs Beten, denkt sich der Junge.

Es gibt Heiden, die behaupten, das Leben gleicht den Symbolen auf der Tafel, sagt der Lehrer und wischt mit einem Schwamm darüber, bis nichts mehr bleibt, außer dem Wasser, das über den Ärmel seiner Soutane rinnt.

Der Lehrer schluckt, ohne seinen Kehlkopf zu bewegen.

Der Junge meldet sich. Der Lehrer aber sieht ihn nicht oder vielleicht denkt er, dass der Junge auch nur an die Zimmerdecke zeigt. Dieses Gefühl, nicht gesehen zu werden, kennt der Junge – aus der Schule, von Zuhause, der Straße, der Mutter. Deswegen streckt er sich noch mehr, versucht das grell zitternde Licht über sich zu berühren, doch die Zimmerdecke klettert nach oben. Es geht ihm dabei wie mit seinen Füßen, die unter dem Stuhl baumeln, und obwohl sie wachsen, nie den Boden unter sich erreichen, denn auch dieser flüchtet vor ihm. Er hat zu viel Platz nach oben und unten, er ist ein Dazwischen, ein Luftmensch, denkt er.

Die Schulglocke läutet. Wochenende. Die Halogenlampe zuckt ein letztes Mal. Er rutscht vom Stuhl, hievt die Schultasche auf den Rücken und wartet wie die anderen Kinder vor dem Schulgebäude darauf, abgeholt zu werden. Kleine, bunte Seepferdchen schwimmen auf seiner Tasche auf und ab und hin und her. Die Tasche ist fast so groß wie er und wiegt mal mehr, mal weniger fünf Bücher.

Ihr tragt Zukunft auf den Schultern, sagt der Lehrer immerzu. Die kann manchmal an euch zerren.

Die Eltern nehmen ihre Kinder bei den Händen und gehen mit ihnen gemeinsam davon. Kinderbeine machen sich lang, wachsen, um im Gleichschritt mit ihren Eltern zu bleiben. Der Junge wartet und wartet. Wartet, bis kein Kind mehr da ist, bis er selbst kein Kind mehr ist.

Als letzter verlässt der Lehrer die Schule.

Er bemerkt den Jungen, legt ihm seine Hand auf die Schulter und fragt ihn: Holt dich keiner ab?

Der Junge knickt seinen kleinen Kopf in den Nacken, klettert mit seinem Blick Knopf für Knopf das schwarzen Gewand hinauf, erreicht aber niemals sein Gesicht, denn auch der Lehrer wächst immer höher, in die Wolken hinein.

Weißt du, wie du alleine nach Hause kommst?

Ja. Ich glaube, ich weiß, wo mein Zuhause ist.

Du glaubst?

Ja, ich glaube.

Wo denn?

Der Junge weiß nicht, ob der Lehrer will, dass er in den Himmel zeigt. Er mag den Lehrer, denn er ist ihm der Vater des Vormittags, sogar der einzige Vater, nicht nur weil alle ihn Pater nennen. Deshalb will er ihn nicht enttäuschen. Kurz zögert er, zeigt dann aber doch irgendwo in die Mitte der Stadt. Der Lehrer gibt ein Geräusch des Verständnisses von sich, geht und hinterlässt lediglich seine kalkigen Fingerabdrücke auf der Schulter des Jungen.

Ein Rucksack schlendert durch die Gassen. Nassblaue Schuhabdrücke ziehen sich in unregelmäßigen Rhythmen über den Asphalt. Christian pinselt eine Wolke in Form einer Hand über sich, damit sie ihn hält – doch vergebens, sie zieht einfach vorüber. Darum faltet er seine Hände beim Gehen wie zum Gebet. So hat es ihm der Lehrer beigebracht.

Festeren Halt gibt es nicht, sagte der Lehrer einmal.

Christian springt von einem Fuß auf den anderen, um möglichst weite Schritte zu machen. Wenn er über die halbhohen Mauern der Stadtparks balanciert, hält er sich selbst. Genau wie er sich mit der linken die rechte Hand gibt, sobald er eine der vielbefahrenen Kreuzungen überquert. Wenn er eine Fahrkarte in der Straßenbahn kauft, steigt er auf die Zehenspitzen und streckt sich, soweit er kann. Den Rucksack aber setzt er niemals ab, denn er will seine Zukunft nicht verlieren.

Für ihn kann das Wachsen nicht schnell genug gehen. Manchmal, wenn er kurz vor dem Schlafen im Bett liegt, bittet er seine Mutter, an seinen Beinen zu ziehen.

Für Albernheiten habe ich keine Zeit, sagt sie. Ich muss wieder zur Arbeit.

Sie arbeitet immer, selbst wenn sie nicht arbeitet, arbeitet sie, macht sauber, spült ab, organisiert. Und wenn alles geputzt ist, alles ordentlich, dann verschmutz sie es wieder, schafft ein Durcheinander, damit sie etwas zum Arbeiten hat. In den Augen ihres Kindes sieht sie zu viel von seinem Vater, schaut ihn deshalb meistens nie lange an. Auch jetzt, wenn sie neben ihm am Bettrand sitzt, sucht ihr Blick Flucht an der Deckenlampe. Sie muss mittlerweile schon so lange in das Licht geschaut haben, dass es sich in sie gebrannt hat, sie es auch sieht, wenn sich ihre Lider berühren.

Hoffentlich zieht mich die Zeit, wenn ich schlafe, wünscht sich der Junge, flechtet seine Finger ineinander und träumt davon, ein Riese zu sein, der mit großen Sprüngen von zu Hause in die Schule und zurück hüpft, der seinen Rucksack mit dem kleinen Finger tragen kann wie die Wolkenhand.

Wieder balanciert der Junge nach der Schule mit langen Schritten auf der Mauer eines alten Ziehbrunnens. Von oben sieht er nicht besonders tief aus. Schritte werden Sprünge. Sprünge sind Schritte in der Luft. Immer im Kreis. Immer mehr Luft. Bis er beim Aufkommen fast sein Gleichgewicht verliert. Er hält sich gerade noch selbst, aber sein Blick, der fällt in den Brunnen. Im Brunnen schwimmt ein Himmel, im Himmel schwimmt ein anderer Junge, der Junge hat wolkige Augen und starrt ihn an. Seine großen Augen ziehen den Jungen zu sich wie ein Wasserwirbel. Um tiefer in sie blicken zu können, kniet er sich hin. Diese Augen sind selbst ein großer Brunnen, in dessen Mitte zwei schwarze Steine gefallen sind. Rings um die Steine ebbt ein vertrauensvolles Blau zum Brunnenrand hin ab. Der Junge kennt diesen anderen Jungen, kennt diese Farben. Er wartet wie er selbst, wartet hier im Brunnen auf ihn. Der Junge streckt sich dem anderen Jungen entgegen, um ihm die Hand zu geben, streckt sich, ohne den Rucksack abzusetzen, kann den anderen Jungen aber nicht berühren. Er will wachsen, ein Riese sein.

In dem Moment, in dem der Junge seine Hand berührt, rutscht seine Schultasche über die Schultern zum Kopf und zieht ihn hinein, immer tiefer in den nach unten wachsenden Brunnen, in das Blau seiner Iris. Mit den Seepferdchen taucht er in den blauen Augen. In den gespiegelten Himmel. Er bekommt keine Luft, aber das macht ihm nichts aus, denn er weiß, dass er diesen Augen vertrauen kann. Gewartet hat er auf ihn. Ein Leben lang. Gewartet.

Tat tvam asi, hört der Junge eine Stimme sprechen, tat tvam asi.

Der Schwanz eines Seepferdes wickelt sich um das Seegras. Finger winden sich ineinander, finden halt. Die eine Hand greift die andere, zieht sie hinunter. Auf dem Boden des Brunnens, irgendwo inmitten der Stadt, dort liegt die Zukunft.

 

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