Kurzgeschichtenfragment – Sonnenmilchmeer

meer

Es riecht nach Sonnencreme. Sonnencreme riecht ein bisschen wie Milch, Parfüme, Sonnenblumen. Und doch riecht nichts wie Sonnencreme. Vielleicht doch der Sommer. Der Sommer von 1971. Und die Haut von Delila, die er gerade riecht, weil sie ihm nahe ist, um ihm seine Taucherweste festzuziehen. Sie trägt eine Haut auf ihrer Haut.

Von hier an geht es nur noch nach unten, sagt sie und verschwindet im Blau.

Er denkt an Epikur, der einst sagte, dass der senkrechte Fall die Urform aller Bewegungen sei. Doch insgeheim weiß er, dass es nicht die Zeit zum Denken, zum Philosophieren ist.

Dann fällt er und verschwindet mit ihr. Langsam versinken sie im Himmel unter Himmeln. Er kennt sie erst seit drei Tagen, doch traut er ihr mehr als sich selbst. Er lässt sich von ihr an den Abgrund führen. Unter ihnen liegt die Dunkelheit, über ihnen zersiebt die schimmernde Haut des Meeres das Sonnenlicht. Es sinkt mit ihnen und wird schwächer, bis es sich auflöst.

Auch er löst sich auf, verliert sich im in-dem-Wasser sein. Er schwebt, unsichtbar wie Plankton. Sie hat ihm Fliegen beigebracht. Alles ist still, bis auf seinen Atem, der umso lauter ist. Sie hat ihm Schweigen beigebracht, hat ihm Ein- und Ausatmen gelehrt. So muss man sich als Astronaut im Weltall fühlen. Er meditiert, begegnet seiner Endlichkeit. Alleine ist er mit seinen Ängsten, doch sie hat ihm Mut beigebracht.

Alles ist Wasser. Selbst die Seele ist Wasser. Sie fließt. Bis sie wieder auftauchen müssen.

Es ist das erst Mal, dass er am Meer ist. Es ist das erste Mal, dass Delila jemanden kennenlernt, der das erste Mal am Meer ist. Sie ist im Meer geboren. Dort will sie auch sterben, sagt sie. Des Menschen Seele gleicht dem Wasser, denkt er sich, doch sagt es nicht, denn eigentlich glaubt er nicht an die Seele. Er glaubt an nichts, außer an das, was er weiß. Sie glaubt an nichts, außer an das, was sie fühlt. Er weiß, dass sie ihn mag, auch wenn er das Gefühl nicht kennt. Sie fühlt, dass er sie mag, auch wenn sie das nicht weiß.

Der Tauchkurs ist vorbei, aber er muss erst am nächsten Tag abreisen. Ob er gerne Fisch ist, fragt sie ihn. Mir ist es egal, was ich esse, antwortet er. Hauptsache ich werde davon nicht krank. Warum hast du Angst vorm Krank sein, entgegnet sie. Weil mein Körper die Hülle meines Geistes ist, und ich ohne meinen Geist nichts bin. Sie blickt ihn fragwürdig an und schlägt dabei die Flügel ihrer Schmetterlingswimpern aufeinander. Ihre Augen wollen fliegen.

Wenn du krank wärst, könnte ich mich um dich sorgen, sagt sie und hilft ihm dabei den Reisverschluss seines Neoprenanzuges herunterzuziehen. Die Sonne schlüpft unter seine Haut. Das Wasser löst sich.

Eine Kerze wirft Schatten auf Delilas Dekolleté. Die Schatten tanzen auf ihr wie die zwei angetrunkenen auf der Tanzfläche. Auch sein Herz tanzt. Er kennt diesen schnellen Rhythmus nicht.

Und Arnold, hat dich der Fisch vergiftet? fragt sie ihn. Nein, sagt er. Darf ich mich also nicht um dich kümmern?

Er weiß nicht, was man auf so eine Frage antworten soll. Eigentlich weiß er nicht, was er auf die meisten ihrer Fragen antworten soll, geschweige denn was er sie zu fragen hat.

Er versucht abzulenken, indem er sein Fischmesser und seine Gabel nach kniggerischer Manier auf dem Teller platziert. Sie nimmt ihm die Gabel weg, legt sie auf die weiße Tischdecke.

Warum machst du das? fragt er.

Warum machst du das?

Was?

Na, das mit dem Besteck.

Weil Ordnung das halbe Leben ist.

Und die andere Hälfte?

Er kennt die Antwort auf diese Frage nicht.

Choas, Arnold. Wildes Chaos ist die andere Hälfte.

Er sieht den Schattentanz auf ihrer Brust, in seiner Brust, auf der Tanzfläche und sagt, man muss noch etwas Choas in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.

Wer hat das gesagt, fragt sie.

Ein sehr einsamer und trauriger Mann.

Die tanzenden Schatten auf Delilas Brust fallen zusammen. Jemand hat die Kerzen ausgeblasen, jemand hat das letzte Lied gespielt. Alle klatschen für die Tänzer. Nur Arnold, der klopft mit der Faustknöcheln auf den Tisch.

Warst du schon einmal Nacktbaden? fragt sie ihn. Nein, antwortet er. Willst du es ausprobieren? Arnold, komm schon.

Ihre Schmetterlingswimpern fangen wieder zu flattern an. Sie bringt ihm Fliegen bei.

Es ist das erst Mal, dass er Nacktbaden geht. Es ist das erste Mal, dass Delila jemanden kennenlernt, der das erste Mal Nacktbaden geht. Sie wurde nackt geboren. So will sie auch sterben, sagt sie. Dann gleitet ihr Kleid über ihre Knie, über ihre Knöchel auf den Boden. Die Schatten tanzen nicht mehr auf ihr, dafür aber das Mondlicht. Ein silberner Streifen zieht sich von ihrer Schulter über ihre Taille, ihren Po hin zu ihren Oberschenkeln und zerfließt schließlich im Meer. Als wäre sie ein Edelmetall, das zerschmilzt und das Meer zum Leuchten bringt.

Komm, sagt sie.

Er kommt, aber nur in Unterhose. Sein hagerer Körper hat etwas Zerbrechliches. Vor ihr fühlt er sich dennoch nicht schwach. Auch wenn unter ihnen die Dunkelheit liegt.

Des Menschen Seele gleicht dem Wasser, sagt er.

Ihr silbernes Kettenhemd aus Wassertropfen bewegt sich in seine Richtung. Sie nimmt seine Hand und legt sie auf ihre Schultern. Ich mag deine weichen Hände, sagt sie, sie sind sehr einfühlsam.

Sie führt sie runter zu ihrer Brust. Er streift vorsichtig über sie. Ich mag deine rauen Fingerkuppeln, sagt sie, sie sind sehr männlich. Hast du schon einmal jemanden geküsst?

Er weiß immer noch nicht, was man auf so eine Frage antworten soll.

Es ist das erst Mal, dass er jemanden küsst. Es ist das erste Mal, dass Delila jemanden küsst, der das erste Mal küsst. Sie wurde küssend empfangen. So will sie auch sterben, sagt sie. Ja, jetzt könnte ich sterben, so nackt, im Wasser, dich küssend.

Das Kettenhemd löst sich in einzelne Ringe auf. Eine weiße Unterhose treibt im Mondschein.

Eine weiße Unterhose ist gestrandet. Eine Haut schwappt an das Ufer. Mittlerweile muss Delila unzählige Male gestorben sein. So nackt, im Wasser, ihn küssend. Ihr ist kalt, sie zittert. Er umarmt sie, um sie zu wärmen. Sie zittern zusammen.

Ich bin auch Philosophin, sagt sie und wartet kurz. Ich liebe also bin ich, Coitus ergo sum, sagte sie. Er lacht. Ihm ist kalt, aber er lacht. Er lacht und weiß nicht warum. Von hier an geht es nur noch nach unten, sagt sie. Dann taucht er zwischen ihre Beine.

Langsam versinken sie im Himmel unter Himmeln. Alles ist still, bis auf ihr Atem, der umso lauter ist. Sie hat ihm Schweigen beigebracht. Hat ihm Ein- und Ausatmen gelehrt. Sonnencreme, alles riecht nach Sonnencreme. Als wäre das Meer ein Teich aus schwarzer Sonnenmilch.

Der Mond treibt auf diesem schwarzen Sonnenmilchmeer. Das Meer spült den Mond an den Strand. Der Mond liegt zu ihren Füßen. Sie liegt am Strand. Er liegt auf ihr. Seine rauen Fingerkuppen streichen über sie. Schüchternheit huscht über ihr Gesicht, hinterlässt rote Fußspuren. Dann sie auf ihm, dem unbewegten Beweger.

Er schwebt. Sie hat ihm Lieben beigebracht.

Weibliche und männliche Körper wiedersprechen sich, denkt er, obwohl er weiß, dass es nicht die Zeit für solche Gedanken ist. Langsam finden sie im Zwiegespräch der Nacht ihre gemeinsame Körpersprache.

Er schweigt. Sie schweigt. Die Nacht schweigt.

Es ist das erst Mal, dass sie jemanden zum Flughafen bringt. Es ist das erste Mal, dass Arnold jemanden kennenlernt, der das erste Mal jemand zum Flughafen bringt.

Der Flughafen ist ein Hafen ohne Meer, ohne Strand. Delila ist im Wasser geboren und will dort auch sterben, deswegen mag sie keinen Hafen ohne Meer.

Werde ich dich wiedersehen, fragt er.

Sicher, sagt sie, ich komme dich besuchen, und dann essen wir Fisch, und dann kümmere ich mich um dich, und dann…

Delila verschwindet so schnell sie kann, Arnold so schnell er muss. Bis es für ihn nur noch nach oben geht, in die Wolken, dem Himmel ohne Himmel, wo der Strand ganz klein wird. Nur von Delila trägt er ein großes Bild in seinem Kopf. Ein Schmetterling in seinem Glaskasten.

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