Das nackte Auge

Rain_Steam_and_Speed_the_Great_Western_Railway

Er geht. Er geht, weil er gehen muss. Weil bei ihm nicht nur müssen immer auch können heißt, sondern können müssen. Er blickt sie nicht mehr an, da er sonst nicht gehen könnte, nicht mehr müsste. Stattdessen schaut er in das Kommende, das der Horizont versteckt hält. Er geht und dreht sich nicht mehr um, nicht ein einziges Mal. Sein Kopf kann sich nicht drehen, er hat einen Halswirbel zu wenig.

Sie schaut. Sie schaut, weil sie schauen muss. Weil es das Einzige war, was sie wirklich konnte: Männer mit ihren Blicken fesseln. Denn jede ihrer Gesten war eine heimliche Umarmung, mag sie noch so verschlossen gewesen sein. Doch er lässt sich nicht binden. Ihr Blick ruht auf seinen breiten Schultern, begleitet ihn ein Stück, bis er immer kleiner und schließlich vom Horizont verschluckt wird.

Wie viele Leben passen in diesen Horizont, wie viel Hunger hat der Himmel?, denkt sie und wischt eine schwarze Träne von ihrer Wange. Eine Träne, die blau ist, ehe sie ihre Augen verlässt, die etwas von deren Blau mit sich nimmt, aber dann alles an Farbe verliert und vollkommen schwarz wird.

Am nächsten Tag steht sie noch immer da, weil etwas in ihrem Inneren sagt, dass sie muss. Sie wartet darauf, dass dem Himmel schlecht wird wie ihr, dass er ihn wieder ausspuckt. An diesem Tag klaut eine weitere Träne das Blau ihrer Augen. Sie färbt ihr Gesicht dunkel, bemalt es schwärzer. Es ist derselbe Tag, an dem sie das erste Mal eine Augenwimper ausreißt, sie in den Wind bläst, damit er sie trägt, wie eine stille Nachricht, zu ihm.

So steht sie jeden Tag da, auch wenn sie mittlerweile eigentlich nicht mehr kann. Sie muss. Ihr Gesicht wird schwärzer, ihre Pupillen blasser, ihre Wimpern weniger. Denn jeden Tag reißt sie eine aus, einen wortlosen Brief, und gibt diesen den Wind mit auf dem Weg. Der Brief sagt: „Komm zurück“ – und doch sagt er es nichts. So bleiben des Himmels Lippen geschlossen. Unausgesprochen.

 

Sie steht immer noch da, nicht weil sie muss, weil sie nicht mehr anders kann. Ihr Gesicht ist schwarz, ihre Pupillen grau, ihre Augen nackt, als hätten sie sich alle Hoffnung vom Leib gerissen. Genau 365 Mal hat sie sich entblößt.

An diesem Tag ist der Himmel unerträglich blau. Ein Punkt erscheint dort, wächst, bis ein Mann vor ihr steht, dem der Stolz aus der Brust geschnitten wurde, dessen Schultern schlaf an seinem Korpus hängen. Er schaut hinter sich, starrend in das Gewesene. Ihm fehlt ein Halswirbel. Kurz sieht er sie, nichts als ein Augenstreicheln im Vorbeigehen, doch er erkennt sie nicht. Das ist nicht ihr Gesicht, nicht ihre Pupillen, ihre Augen. Sie wirft Blicke, will ihn wieder binden, fesseln. Doch vergebens, er geht an ihr vorbei, bis der Horizont auf der anderen Seite ihn verschluckt. Der Himmel hat zwei Mäuler. Es wird Nacht.

„Warum musstest du gehen?“ fragt sie, ohne es zu fragen. Zu viele Wimpern passen in den Himmel, in diesen viel zu blauen Himmel, denkt sie sich. Was das nackte Auge nützt, wenn es die Welt sieht, die Welt aber nicht das Auge, fragt sie sich und weint eine letzte Träne, die schließlich auch ihre Pupillen und ihren restlichen Augapfel schwarz färbt. Sie wird Nacht.

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