Die Zeichen an der Mauer

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Eine Stadt. Südlich eines großen Flusses. Lautlos liegt sie da. Nur gedämpftes Rauschen über den Dächern. Ich beobachte Kinder, Eltern und Großeltern in Häusern aus Lehmziegeln mit Betten aus Stroh an Straßen aus Staub leben. Blumen wachsen kaum, nur entlang des Weges zum türmenden Palast wuchern die Rosenbüsche in den verschiedensten Rottönen, ranken dem Himmel entgegen.

Jemand schließt seinen Mund. Es nachtet. Nun pilgern die Menschen im Mondlicht an den Stadtrand, lüften ihre Masken und zeigen sich ihre Gesichter, erzählen sich ihre Geschichten, so wie jede Nacht, in der sie nichts erblicken, außer dem mit Sternen bestickten Firmament. Still fließt der Fluss Jahr für Jahr vor sich hin und ich betrachte alles von oben. Lediglich das leise Rauschen strömt aus den Mündern der Menschen in die Nacht.

Doch dann sehe ich wie eines Tages tausende Soldaten mit Streitwagen und Pferden, Schwertern und Speeren, durch den Fluss marschieren, bis er mehr Rüstung als Wasser ist. Sie tragen helle Vendelhelme und den Sand entfernter Wüsten mit sich. Sie zertreten die Rosen, trampeln einen Pfad von der Fremde in die Stadt. Dort pflastern sie ihren Weg mit gebrochenen Ziegeln. Den Rest der Stadt verschluckt eine Staubwolke. Jemand hustet und röchelt. Frauen liegen bäuchlings auf dem Stroh und schreien. Die Dornen der Rosen, die stechen. Jemand schreit. Rücklings treiben die Alten im Fluss das Tal hinab. Dann flutet die Stille.

Ein Mann mit einem Helm bringt die Überlebenden an den Rand der Stadt. Hier werden wir eine Mauer erbauen, flüstert er, damit die neue Stadt keine Angst mehr vor Überfällen haben muss. Mit ihren Tränen weichen die Menschen den Erdboden auf, kneten damit Lehmziegel und erbauen eine Wand. Der Mann mit dem Helm aber kennt kein Mitleid, der weint nie, der trägt nur Rost auf der Rüstung.

Wenn die Menschen nun im Nachtdunkel an den Rand der Stadt gebracht werden, besehen sie dort ein Mauerwerk, das über ihren Köpfen steht. Auf diese Mauer malte der Mann mit dem Helm ein Zeichen, das aussieht wie eine Dreißig mit einer Augenbraue. Jetzt braucht ihr keine Angst mehr zu haben, diktiert er, denn ihr habt eine Mauer und dieses Zeichen. Darauf ist Verlass.

Nach und nach bauen die Erdmenschen ihre Häuser mit den zerbrochenen Lehmziegeln wieder auf. Langsam sprießen die Rosen. Gedrücktes Gras richtet sich erneut auf. Der Mann mit dem Helm lässt sich den Staub von den Stiefeln wischen und zieht in den Palast des Königs. Er nimmt seinen Vendelhelm ab, setzt sich die purpurrote Krone auf. Auch er trägt darunter eine Geschichte. Bald darauf teilt er sie mit den Anderen nachts am Rande der Stadt. Dabei färbt sich sein Gesicht braun. Alles ist wie früher, außer das Zeichen an der Mauer, vor dem sie sich fürchten, auch wenn es sie beschützen soll. Der Fluss strömt die Großeltern aus dem Gedächtnis an ein abgelegenes Ufer. Das Rauschen steigt in den Mündern.

Es dauert nicht lange, da werde ich Zeuge, wie erneut gerüstete Krieger und berittene Bogenschützen in die Stadt stürmen. Sie tragen Maskenhelme, noch weißer als die ihrer Wegbereiter. Sie schwingen Säbel, die sicheln wie der Mond. Ihre Schritte mähen das Gras auf dem Weg in die Stadt. Die Ziegel der Mauer werden unter ihren Füßen zu Kiesel. Die Stadt erstickt im Staub. Rosenblätter kleben an ihren Schuhsolen. Stroh klebt an den Schenkeln der Frauen, die schreien, bis eine Hand ihnen das getrocknete Getreide in den Mund stopft wie einer Kuh. Dann steckt der Schrei im Stroh. Sie stechen, die Dornen der Rosen. Erst trägt der Fluss die reglosen Eltern davon, dann bleibt nichts als Totwasser. Jemand schweigt.

Wieder erscheint ein behelmter Mann und schleppt die Überlebenden an die Stadtgrenze. Hier werden wir eine noch größere Mauer errichten, souffliert er, damit die neue Stadt keine Furcht mehr vor Angriffen haben muss. So erbauen sie nochmals eine Mauer aus klebrigem Lehm. Wenn die Menschen nun nachts an den Rand der Stadt zusammenfinden müssen, sehen sie eine Mauer, die bis an den Himmelrand ragt. Der Mann mit dem Helm pinselt einen Halbmond und einen Stern darauf. Jetzt braucht ihr keine Furcht mehr zu haben, verordnet er leise, denn nun habt ihr eine Mauer und einen neuen Himmel. Die lassen euch nicht im Stich.

Einmal mehr werden Trümmer zu einer Stadt. Der Staub rieselt von den Rosenblättern. Ungras füllt die Fußstapfen zur Stadt. Bevor der Mann mit dem Maskenhelm in sein Schloss tritt, lässt er sich das Blut von den Stiefeln wischen. Er nimmt seinen Helm ab und setzt sich die sattrote Krone auf. Auch sein Gesicht hat eine Geschichte, die er mit den anderen teilt. Auch sein Gesicht wird mit jedem Wort dunkler. Alles ist wie früher, außer dem Zeichen an der Wand, dem sichelnden Mond und den stechenden Sternen. Allmählich verliert der Fluss sein Purpur. Rauschen quillt in der Dunkelheit.

Wieder sehe ich Soldaten einfallen. Fallen mit donnernder und brennender Luft. Krieger mit geisterweißen Maskenhelmen, die Kreuze auf ihren Rücken schleppen. An den Kreuzen hängen ihre Opfer. Ihre Fußabdrücke sind das Sterben, unter ihnen erwächst kein Halm. Ziegel verwandeln sich unter ihren Stiefeln zu Staub. Der legt sich auf die Straße wie die Toten, wie die Blätter der Rosen, wie die Frauen auf den Betten aus Stroh, wie die Kinder in den Flüssen. Mit offenen Augen treiben die Kleinen im Stillwasser zu fernen Niederungen. Sie sehen keinen Himmel. Das Stroh brennt. Es lodert das Schweigen.

Diesmal schleift der Mann mit dem Helm die Überlebenden an den Stadtrand. Hier werden wir eine Mauer errichten, so groß wie ihr sie noch nie gesehen habt, sagt er. Damit die neue Stadt keine Angst mehr vor Invasionen haben muss. Und so bauen sie eine Mauer aus zermalmten Lehmziegeln. Wenn die Menschen nun zur späten Stunde wie Vieh an den Rand der Stadt getrieben werden, stehen sie vor einer Mauer, die das Dach ihrer Welt ist. Der Mann mit dem Helm malt ein Kreuz auf das Dach. Jetzt braucht ihr keine Angst mehr zu haben, befiehlt er. Nun habt ihr eine Mauer und ein Zeichen. Auf die kann man sich verlassen.

Erinnerungen fluten die Gedanken, tauchen im Nachstrom nach oben wie Wasserleichen. Der Mann mit dem Helm zieht sich seine verstaubten, blutigen Stiefel aus, legt seinen Helm ab. Alles ist wie früher, denkt er sich. Aber nichts ist wie früher. Denn die Furcht der vielen Jahrtausende bebt auf den Lippen der Stadtbewohner, zittert in ihren Händen. Bis diese Hände den Mann mit den Ziegeln der Mauer erschlagen, er selbst zittert und amarante Streifen über sein geisterweißes Gesicht laufen. Jemand lacht. Das Beben ihrer Lippen bringt ihren Himmel zum Einsturz und begräbt den Rest der fremden Krieger unter sich. Ziegel fallen in den Fluss, bilden einen Damm. Wasser tritt über die Ufer und mischt sich mit dem Blut der Toten.

Jetzt ist es Nacht und die Menschen stehen mit nassen, purpurroten Füßen, zitternden Händen und bebenden Lippen vor einem Grab aus Lehmziegeln. Dahinter erkennen sie nichts, außer dem besternten Himmelsgewölbe. Die Menschen haben Angst vor diesen unbekannten Zeichen. Deswegen errichten sie abermals eine Mauer und malen eine Dreißig mit Augenbraue, eine Mondsichel mit Stern und ein Kreuz darauf. Alles ist wie früher, reden sie sich ein. Der Fluss fließt wieder hinab ins Tal. Es rauscht aus den Mündern.

 

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