Du siehst mich nicht!

Ich kenne dich, doch du kennst mich nicht. Auch mein Gesicht kennst du nicht, denn ich habe keins, obwohl ich weiß, dass das Gesicht das Wichtigste hier ist. Ich bin eine inhaltslose Kontur. So voll mit Nichts, dass ich daran ersticke.

Ich kann nicht sprechen, denn Gesichtslose haben keinen Mund. Ich kann auch nicht schmecken, denn ich bin zungenlos, kann nicht fühlen, denn ich habe noch nicht einmal einen Körper.

Aber sehen kann ich dich, warum auch immer. Und ich sehe dich. Den ganzen Tag. Das ist alles, was ich tue: dich sehen, dich kennen, dich vergötzen.

Ich sehe dein Gesicht, denn du hingegen hast eins. Dieses Gesicht schaut mich an, ohne das es mich sieht. Es blickt durch mich hindurch, vielleicht zurecht, denn ich habe ja weder Gesicht noch Körper. Manchmal blickst du mich so lange an, Stunden vielleicht Tage, sodass ich glaube, du könntest mich vielleicht doch sehen. Mit deinen Wimpern, die das Schlagen verlernt haben, dem erstarrten Schmetterling, der nicht mehr fliegen kann. Dahinter die Augen, die sehen, ohne zu sehen. Dazu dieser Mund, der niemals müde wird vom Lachen. Der in die Backen Grübchen gräbt, ohne Pause. In diese Graben will ich mich legen, jedes Mal wenn ich dich sehe. Dort will ich ewig liegen, sterben. Dein Lachen ist mein Tod, und du bist der Schmetterling in meinem Glaskasten.

Niemand hat ein so schönes Profil wie du. Ich sammle dich. Deine Schönheit ist bewegungslos. Ein Moment gefangen im Netz für die Unendlichkeit. Sie ist perfekt symmetrisch, wie das Quadrat, das sie festhält. Oft danke ich diesem Quadrat, da ich Angst habe, deine Schönheit würde, wenn sie einmal nicht mehr ihre Grenzen kennt, sonst alles überschwemmen und mich ertränken. Doch noch habe ich Luft zum atmen, noch sind nur meine Stirn und meine Hände nass. Und doch schwappen deine Wellen über deinen Beckenrand, hinein in meine inhaltslosen Konturen.

Ich kenne nicht nur dein Gesicht, sondern auch dich, denn dein Gesicht ist lediglich das Abziehbild deines Selbst. Ich klebe voll mit dir. Eigentlich ist es eine Untertreibung, wenn ich sage, ich kenne dich, denn ich kenne dich in Wirklichkeit in und auswendig. Besser als du selbst. Ich weiß dich. Vielleicht ist das auch nicht so schwer, zumal du schon immer alles preisgegeben hast. Du warst schon immer nackt, ohne dich auszuziehen. Warst schon immer mehr Haut als Stoff. Mehr Idee als Materie. Dein durchsichtiges Kleid ist der diaphane Vorhang eines Fensters, hinter dem du sitzt und jemand hinter einem anderen Fenster beobachtest. Auch er hat durchschaubare Jalousien und beobachtet jemand hinter einem wiederum anderen Fenster. Auch ich sitzt hinter einem Fenster, ohne das mich jedoch jemand sieht.

Dein Leben ist eine ewige Liste, die ich jeden Tag lese, bis ich sie auswendig kann. Diese Liste ist ein Siebdruck deines Selbstbildes. Ich weiß, wo du arbeitest, wo du gearbeitet hast, an welcher Uni du was studiert hast, auf welcher Schule du warst, an welchem Ort du geboren wurdest. Ich weiß sogar, wo du jetzt lebst. Ganz nahe bei mir, nur einen Fingersatz entfernt. Genau wie deine Lieblingsbar, -club, -café, -park. Dein Leben ist eine Mappe, und du steckst mit hornhautdicken Fingern Nadeln hinein, wie in eine Voodoo-Puppe. Du spielst mit mir. Ich bin eine Puppe in deinem Puppenkasten.

Ich weiß, was du magst. Die Bücher, Filme, Bands, Serien. Ich kenne auch deine Freunde, und auch manche Freunde deiner Freunde. Habe keine Angst vor dem Fallen, die Welt ist ein Netz und fängt dich. Nur die Kleinen fallen hindurch. Selbst deine Familie, deinen Freund, mit dem es gerade etwas kompliziert ist, ist mir bekannt. Deine Gedanken kann ich lesen, selbst wenn es nicht schwer ist, denn sie sind frei, deine Gedanken. Frei wie deine Haut. Sie fliegen aus deinem offenen Fenster, vorbei an dem sinnlosen Vorhang. So frei, wie wir immer geträumt haben zu sein; so frei, dass es mir jetzt Angst macht, denn ich weiß nicht, wie man mit so viel Freiheit umgehen soll. Das Fenster ist so GROSS. Die  L ü c  k e n  im Netz sind zu viele.

Nur über mich weißt du nichts und kannst auch nicht wissen, da man mein Gesicht nicht lesen kann. Ich bin eine leere Seite, ein Name, der nichts bezeichnet. Ein Satz ohne Wahrheitsgehalt.

Heute habe ich dir geschrieben: „Du siehst mich nicht.“

Doch du hast mir nicht geantwortet, du hast mich nicht verstanden, und du wirst mich nie verstehen. Wie sollte man auch den Mundlosen verstehen?

Deine Wall wird zu meiner Klagemauer. Ich bin die aufgespießte Puppe an deiner Pinnwand.

Doch… doch… deine Schönheit bleibt bewegungslos. Ein Moment gefangen in einem zweidimensionalen Nichts. Einem kubistischen Fleckenteppich.

Dein Leben ist eine ewige Liste, ein digitales Mantra auf meinen Lippen.

Dein Leben ist eine Mappe, und du sucht dich selbst.

Aber… aber… du zeigst dich, wie du bist, doch zeigst nicht, wer du bist.

Du siehst nur, was du sehen willst.

Ich sehe nur, was ich sehen will.

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