Los-gelöst

Losgelöst war Monika, als ihr Mann sie eines seidenen Tages aus heiterem Himmel verließ. Doch der Himmel war nicht heiter, sondern er weinte, oder sie war es, die weinte. Vielleicht war der Himmel dort heiter wo er hingehen würde. Sie war losgelöst von der Erde, der Zeit, sich selbst, ihren Zukunftsträumen und von all dem, an das sie je geglaubt hatte. Wie konnte er ihr das nach 37 mehr oder minder glücklichen Ehejahren antun? Hatte er ihr denn nicht versprochen sie niemals zu verlassen? Oder hatte sie nur nicht bemerkt, wie er sich schon lange Tag für Tag ein bisschen weiter von ihr losgelöst hatte. Schließlich gibt es eine Reise, die jeder antreten muss: die Reise an das andere Ufer. Und doch war sie entrüstet, dass er es nicht einmal in Erwägung gezogen hatte sie vorzuwarnen. Ihr Mann verließ sie mit einem Koffer voll von gefalteten Erinnerungen, gebügelten Souvenirs und irgendwo dazwischen lag ihr Herz.

Solange sie noch alleine an diesem Ufer festsaß, widmete sie sich den Dingen, die ihr nach der Flucht ihres Mannes übrig geblieben waren, oder besser, dem einzigen Ding, das ihr geblieben war: ihrem Losstand. Jeden Tag schwappte hier das Menschenmeer an ihr vorbei, mal Ebbe, mal Flut, mal Stille, mal Sturm, Leute kamen und gingen, und doch machte es ihr nichts aus, immer wieder verlassen zu werden, denn sie hatte eine Konstante in ihrem Leben, die einzige Konstante seit 44 Jahren in dieser Fußgängerzone. Jeder kannte Monika die Losverkäuferin und doch kannte keiner Monika. Selbst Monika kanntenur noch Monika die Losverkäuferin, die montags bis samstags von zehn bis acht den Menschen Hoffnung verkaufte. Die Hoffnung stand starr.

Bei ihr landeten die diversesten Seelen. Es gab die, die wie Schiffsbrüchige zufällig bei ihr strandeten, um neue unerforschte Schätze des Glücks zu suchen und sich dann meist enttäuscht wieder zurück auf ihre Expedition begaben. Es gab jene, die fast jeden Tag mit dem Menschenfluss vorbeitrieben, sich mit ihren Augen in Monikas Stand verankerten und doch nie den Mut hatten ihren Kurs zu wechseln. Schließlich gab es auch die schäumenden Seelen, welche die Sucht nach Adrenalin und Ungewissheit alltäglich vor ihr aufbrausen ließen. Meistens konnte sie nur ihr leerer Geldbeutel oder die ausverkauften Lose vor dem Untergang retten.

Einer dieser Glücksritter war Herr Feli. Tagtäglich, seit 44 Jahren, wenn die beiden Zeiger in einer Senkrechte verschmolzen, flanierte er mit seinem Krückstock vorbei und kaufte sich ein Los. Er schenkte Monika ein Lächeln und kommentierte seinen Kauf unter Husten, wie folgt: „Monika, sind Sie schon einmal auf Hawaii gewesen?  … Man sagt sich, dort gibt es mehr Sonne als einem lieb ist … Schade, heute wird es nichts mit meiner Reise.“ Herr Feli war klug genug sich immer nur einen Euro mitzunehmen, nachdem er einige Male seine ganze Monatsmiete verspielt hatte. Die restlichen Lose standen starr.

Manchmal fragte sich Monika, warum die Menschen sich all die Lose kaufen. Um sich von ihrem alten Leben loszulösen? Um ihr Leben zu verändern oder es zu bereichern? Konnte das Glück des Menschen denn wirklich auf einem Papier gedruckt sein? In diesen Momenten war sie kurz davor für sich selbst ein Los einzulösen. Aber sie tat es nicht. Seit 44 Jahren tat sie es nicht. Das war die ungedruckte Regel. Sie ließ die Lose starr stehen.

Wie jeden Tag floss der Menschenstrom an ihr vorbei. Außerhalb ihres Standes war die einzige Konstante die Veränderung – man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen. Jedoch fühlte sich Monika wohl auf ihrer immer gleichen Insel, da sie gewohnt war die Gezeiten, das Kommen und Gehen der Welt, zu besehen, während sie in dem Auge des Hurrikans ruhte. Die Lose ruhten starr.

Wieder umarmten sich die Uhrzeiger am Höhenpunkt des Kreises als Herr Feli von der Menschenschflut herangetrieben wurde. Sein Husten hatte sich mittlerweile zu einem rauen, morbiden Keuchen verschlimmert. In gebrochenen Sätzen sagte er: „Monika, … sind sie schon ein…mal auf den Malediven gewesen?  … Man sa…gt sich, dort gibt es mehr Sonne als einem lieb ist … Schade, heute wird es nichts mit meiner Reise.“ Zum ersten mal antwortete Monika nicht mit einem negierenden Kopfschütteln, sondern mit einer Gegenfrage: „Herr Feli, sagen Sie mir, warum kaufen Sie sich diese Lose?“ Herr Feli hustete kurz und antwortete dann mit einem süffisanten Lächeln, als hätte er seit 44 Jahren auf diese Frage gewartet: “Die mei…sten Menschen wollen nichts ändern, … sondern sich nur sagen können, dass … es auch anders hätte sein können. Ich … kaufe mein Hätte jeden Tag bei ihnen. … Und wenn ich doch eines Tages gewinne, da…nn gibt es da jemanden, den ich seit 44 Jahren … fragen will, ob sie mit mir die Sonne teilen will.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen tauchte er zurück ins Menschenmeer. Die Losen blieben erstarrt.

Am nächsten Tag kam der Regen, aber Herr Feli nicht. Das war seit 44 Jahren nicht geschehen. Auch am übernächsten Tag regnete es und Herr Feli erschien nicht. Nach einer Woche Regen regnete es auch im Losstand. Der Strudel der Zeit hatte Herrn Feli mitgerissen. Er hatte sie aus heiterem Himmel verlassen. Er hatte die Sonne mit sich genommen, ohne Monika vorzuwarnen. Jetzt hatte er mehr Sonne als ihm lieb war. Für einen kurzen Augenblick war sie losgelöst von der Erde, der Zeit, sich selbst und von all dem, an das sie je geglaubt hatte. Zum ersten Mal seit 44 Jahren nahm sich Monika ein Los und löste es ein. 100.000 € stand auf dem Zettel. Doch die Hoffnung war nicht darauf gedruckt. Und auch nichts hätte anders sein können, als es war. Es gibt da eine Reise, die jeder antreten muss: die Reise an das andere Ufer. Doch Monika blieb auf ihrer Insel. Wie ein gekentertes Boot, trieb das zerknüllte Los den Regenstrom entlang, bis es im Abfluss verschwand und im Strudel der Zeit unterging. Sie hatte ihr Los eingelöst.

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