Das gefrorene Lächeln

Liebe zur Weisheit. Philosophie. Dies war der Name der Fakultät, der sich in Kursivbuchstaben unter dem schwarz-weißen Foto entlang zog. Die Hände, mit denen er dieses Foto hielt, konnten nur die eines Schriftstellers oder dergleichen sein, so unberührt und unvernarbt wie sie von dem Leben da draußen geblieben waren. Zu selten hatten sich sie sich aus dem Licht der Schreibtischleuchte gewagt, um die wahre Welt zu umfassen. Doch auch wenn sie niemals von körperlicher Arbeit in Mitleidenschaft gezogen wurden waren, so hatte sich, dachte er zumindest, von dem vielen Schreiben die Hornhaut des linken Zeigefingers und Daumens über die Jahre verdickt, was er jetzt gerade wieder spürte, da er das Lichtbild fest zwischen seinen Fingern hielt.

Plötzlich fingen seine Hände zu zittern an. Ein leichtes Erdbeben erschütterte die Aufnahme der Fakultät, brachte die Menschen darauf wie Pendelfiguren zu schwingen. Vergebens wollte sein Willen seinen Körper beherrschen. Seine andere Hand versuchte die haltende Hand zu unterstützen und so das Zittern zu unterbinden, doch auch dieser Versuch sollte scheitern. Allerdings bewegte das Zittern das Bild derart, dass es etwas Lebhaftes bekam. Etwas Geist. Aus den Trümmern der Fakultät erbaute sich eine Erinnerung.

Ja, sagte der Fotograf, dann lachen Sie doch bitte alle mal.

Als die Mitarbeiter der Fakultät das vernahmen, durchzuckte die Ansammlung Intellektueller ein ungewohnter Impuls der Ratlosigkeit und Anspannung. Knacksende Kiefer wurden mühselig bewegt, Augen zusammengekniffen, Gesichtszüge verzerrt, und irgendwoher kam sogar ein unbeholfenes Geräusch eines künstlichen Lachens.

Bitte stellen sie sich einfach etwas Lustiges oder Schönes aus ihrem Leben vor und lachen oder lächeln dann, als würden sie es wirklich meinen, meinte der Fotograf, als ihm klar wurde, dass selbst die Mathematiker bessere Fotomodelle waren als die Philosophen.

Er, damals noch Doktorand und Wissenschaftsassistent der Fakultät, suchte vergebens nach solch einer Erinnerung. Lachen, Freude, Schönheit mussten doch zu einem gewissen Grad zu berechnen sein. Goldener Schnitt, die Geometire des Lachens… 1,618… irrationale Zahl, ging es ihm durch den Kopf, während er seine Mundwinkel nach oben zerrte. Zwei langgezogene Grübchen umklammerten dieses ertrotze Lachen, als würden sie dem Inhalt dazwischen an Bedeutung absprechen. Der Fotograf stellte indessen seinen Fokus abermals um, lediglich um zu erkennen, dass die Schönheit manch eines Bildes in ihrer Unschärfe liegt.

Sie da, sagte der Fotograf, machen Sie doch etwas mit ihrer Hand. Halten Sie sie zum Beispiel ans Kinn, wie bei dieser Statue. Ja, sehr gut.

Und Sie da, sagte der Fotograf, zeigen Sie bitte mit ihrer Hand in den Himmel, wie dieser eine Philosoph in diesem einen  Gemälde.

Der Professor für Philosophie des Mittelalters schwang seinen Arm mit der Routine eines John Travolta in Richtung Gestirn.

Sie da, der damalige Doktorand war gemeint, ja, Sie. Sie zeigen bitte auf den Boden. Gut, gut, halten… noch etwas halten.

Die erstarrten Gesichter taten ihr Bestes, ihre Mundwinkel nicht erneut von der Erdanziehungskraft herunterziehen zu lassen.

Nur noch kurz halten… gut, sagte der Fotograf.

Wie lange noch? murmelte es zwischen den Lippen eines bewegungslosen Mundes hervor, mein Kiefer fängt an zu schmerzen.

Klick. Endlich. Erleichterung. Man hatte den Moment vereist, ihre Lachen eingefroren. Mundwinkel fielen wieder zum Erdmittelpunkt. Kiefer lockerten sich. Muskeln entspannten. Nur ein Fotograf hatte Angst, dass er es mit den nächsten Modellen, den Theologen, noch etwas schwieriger haben würde. Zumindest hatte er sich schon einige Posen einfallen lassen.

Als es dem Herr Professor auf einmal kalt um die Ohren wurde, zerfiel seine Erinnerung wieder zu einem einfachen Bild. Ein eisiger Wind zwängte sich durch das angelehnte Fenster, hob dabei den weißen Vorhänge an, was dem ganzen etwas von dem Rock eines tanzenden Malerin-Monroe-Geistes verlieh. Augenblicklich legte er das Bild ab, genau wie diesen absurden Gedanken, diesen Animismus, und schloss das Fenster. Vielleicht wäre es ihm nicht immer so kalt, wenn er noch mehr Haare auf den Kopf gehabt hätte, doch die hatte er der Zeit wie einen Wegezoll auf dem Pfad seines Daseins gelassen. Jetzt, da er das Ende des Weges schon in der Ferne zu erblicken dachte, stand er haarlos da, und wusste nicht, was er der Zeit noch geben könnte, außer seinem Leben.

Er trottete ins Bad, um seiner schwachen Blase Willen, der er seit dem Vorfall in der Universität keinen Meter mehr über den Weg traute. Vorsichtig setzte er sich hin. Dieser Hofknicks vor den Werten der Frau, war das Einzige, das ihn noch an seine verstorbene Mutter erinnerte. Setz den Backen die Brille auf, hatte sie ihn immerzu ermahnt. Als würde er die Toten sprechen hören.

Um sich die Zeit zu vertreiben, ergriff er das Fremdwörterbuch, das dort auf seine tägliche Zuwendung wartete. Fürsorglich blätterten seine Hornhaut-verdickten Finger die Seiten um. Aus Scheiße wurde Fäkalien, Exkremente, aus Pisse Urin und Harn, aus Durchfall Diarrhö, bis er seiner Blase wieder trauen konnte. Nun zog er seine weiße Unterhose wieder hoch, wusch sich mit heftigen Reiben die Hände für zwei Minuten und blickte währenddessen in den Spiegel. Er mochte die Falten auf seiner Stirn, denn sie waren die stillen Zeitzeugen seines Denkens. Er mochte auch seinen Bart, der ihn irgendwie an einen Nietzsche oder Marx erinnerte. Selbst das Alter mochte er, obwohl er dessen Weisheit über- und dessen Laster unterschätzt hatte. Schließlich mochte er auch die Ordnung und Sauberkeit seines Bades, in dem seine Körperpflegeutensilien der Größe nach angeordnet und die Handtücher immer gefaltet waren.

Zurück im Wohnzimmer setzte er sich in seinen ausgesessenen Sessel, dessen Sitzpolster wie ein lederner Gipsguss seines Hinterns aussah. Das Zimmer war so vollgestellt mit Dingen, das es schon wieder leer war. Sein Pudel lag reglos neben dem Sessel, ohne sein Herrchen auch nur eines einzigen Schnupperns zu würdigen. Dieser Hund war ein wahrhafter Stoiker, ein Gemütshund, der Traum eines jeden Besitzers, so wenig wie man sich um ihn kümmern musste. Als Inbegriff der Ataraxie bezeichnete der Herr Professor diese Seelenruhe dieses Hund, dessen Schnauze und Augen man kaum hinter den Irrwüchsen seiner Zottelhaare noch auswendig machen konnte. Dem Herr Professor waren des Pudels Haare so egal wie sein Name, denn er hatte den Hund einfach „Hund“ genannt. Sinn und Bedeutung von Nomen proprium, Eigennamen, waren in der Tat nicht seine große Passion.

So saßen sie beide da, Mensch und Hund, Hund und Mensch, der eine phlegmatischer als der andere, bis der Herr Professor das danebenliegende Buch zur Hand nahm, seine Fingerkuppeln langsam drüber strich, und es so dicht vor sein Gesicht hielt, als würde er jeden Moment versuchen darin zu versinken. Diese Bücher würden einen niemals betrügen. Genau wie sein Pudel. Niemals würden sie einen im Stich lassen. Auf sie war verlass. Und wenn nicht auf das eine Buch, dann auf eines der anderen, die zu tausenden, streng nach Themenbereich und Alphabet geordnet, hinter ihm im Regal standen und auf seine Zuneigung warteten.

„Hund, du wirst mich nicht enttäuschen, nicht?“ fragte er den Pudel.

„Ja? Ich dich auch nicht, versprochen. Es ist doch so einfach sich zu verstehen. Oder denkst du anders, Hund?“

„Na also, da sind wir uns also einig.“

Wie immer vergaß er sich beim anschließenden Lesen selbst wie auch seine Müslischüssel, die er beim umblättern mit seinem Ellenbogen auf dem Boden verteilte. Der Pudel kommentierte dieses Missgeschick mit einem Kopfwenden, nur um sich alsbald wieder wegzudrehen und sich dem süßen Nichts zu widmen, dem dolce far niente. Das Wenden der Buchseiten hätte sich derweil ad infinitum wiederholt, wäre der Herr Professor nicht auf die Idee gekommen, nach einem Füller zu suchen, um einen seiner flüchtigen Gedanken auf das Blatt zu bändigen. Jedoch fand er nur einen Bleistift, den er zugleich wieder weglegte, da er ein Instrument brauchte, das der Ewigkeit galt, das es vollbrachte, den Ausdruck der Wichtigkeit seiner Worte zu Blatte zu bringen. Falls solch ein Stift denn überhaupt existierte, falls irgendetwas überhaupt existierte, Noch bevor er zu seinem Füller greifen konnte, bemerkte er die fortgeschrittene Stunde auf seiner Uhr und machte sich sogleich auf den Weg in die Universität.

Er stülpte Schicht über Schicht, bis er aussah wie ein akademischer Astronaut und der Winter ihm auch sicher nichts anhaben konnte. Obwohl der Hund, der eher einem kleinwüchsigen Schaf glich, aufgrund seiner Wolle sicherlich nicht kalt sein sollte, wurde auch er bis zur Unkenntlichkeit verpackt. Er ließ es ohne mit der Schnauze zu zucken über sich ergehen.

Der Herr Professor war gerade dabei die drei Schlösser seiner Tür zu verriegeln, als eine gefürchtete Stimme aus dem Nichts, ex nihilo, erklang: „Herr Professor, ah, wie schön sie zu sehen. Mei, hab ich ein Glück sie anzutreffen.“

Es war die Stimme seiner Nachbarin, die mit einem aufgesetzten Quicken versuchte, das Alter ihrer abgetragenen Stimme zu kaschieren.

„Herr Professor, wann kommen sie denn endlich einmal vorbei, um meine Torte zu kosten.“

„Es tut mir sehr leid, gnädige Frau, aber Sie verstehen sicherlich, ich bin in letzter Zeit äußerst beschäftigt.“

„Schade. Ich habe auch ein brandneues Rezept. Was hält Sie denn so im Schach, mein Guter?“

„Ach, wissen Sie, die Studenten, Sokrates, der Hund…“

„Ah mei, süß sieht er wieder aus, der… der Hund. Warten’s, ich hab da ein Leckerli für ihn.“

„Nein, das ist doch nicht…“ wollte der Herr Professor einwenden, doch schon verschwand sie in ihrer Wohnung.

Eigentlich versuchte er im Winter aus Prinz Gespräche mit jedweden Menschen oder Studenten zu vermeiden. Deswegen atmete er auch möglichst nur durch die Nase, sobald er das Haus verließ, und hielt die Hand vor das Gesicht, wenn er doch einmal mit jemanden sprechen musste.

Aus der dunklen Wohnung erklang der Monolog eines Fernsehers. Die Einsamkeit hat viele Stimmen – oder eben nur eine. Der Fernseher warf Schatten an die Wand. Der Herr Professor bewegt sich kurz Richtung Treppenhaus, prüfte mit jedem Schritt sämtliche kategorische Imperative und utilitaristische Gebote, um schließlich doch inne zu halten.

Schon kam sie zurück mit einem Leckerli in der Hand. Ihr Mund war röter als zuvor, ihr Liedschatten dunkler. Ihre Brüste wieder aus der Versenkung ihres Dekolletés gehievt, obgleich diese trotz ihrer häuslichen Pflichtbewusstseins nie Faltenfrei war oder gar sein konnte.

„Mei, schau her. Hier hast dein Leckerli.“

Wie es für einen stoischen Hund so üblich ist, interessierte dieser sich nicht sonderlich für die irdischen Genüsse. Man könnte auch sagen, der Hund schaute sie noch nicht einmal mit dem Arsch an; zugegeben man kann sich da nicht ganz sicher sein, zumal man bei dieser haarigen Entität nicht immer genau wusste, wo vorne und hinten war.

„Es tut mir wirklich äußerst leid, gnädige Dame, aber wir müssen jetzt wirklich…“ entschuldigte sich der Herr Professor und suchte das Weite, ohne es wirklich sehen zu können.

So ging das unbalancierte Individuum so schnell es seine gebrechlichen Knochen zuließen die Treppe hinab und zog den bewgungsscheuen Hund hinter sich her. Die letzten Worte seiner Nachbarin wurden unter dem da capo seiner Schritte zu unverständlichen Lauten zertreten.

Vor der Tür beschlug erst einmal seine Brille von dem ungewohnt schnellen Atmen in seinem Schal. Beim Wischen der Brille bemerkte er, dass seine Augen noch schlechter waren als das letzte Mal, als er seine Brille abgezogen hatte. Wann das genau war, konnte er sich nicht mehr so genau erinnern. Er hat sich dafür entschieden das Nahe, die Bücher und Texte, zu sehen und musste dafür seinen Blick für das Weite geben.

Er ging einige Schritte und bemerkte, dass der Weg in die Universität jeden Tag etwas länger wurde oder aber seine Beine etwas kürzer. Zudem wurde jeder Tag sein Kopf etwas schwerer. Als würde er zu viele Dinge darin umhertragen. Mit jedem Schritt senkte er ihn tiefer, bis seine Nase fast seine Zehnspitzen küsste. Ein leichtes Zittern durchfuhr ihn, obwohl ihm nicht wirklich kalt war.

Er richtete seinen Mantel und meinte: „Hund, ist dir kalt?“

Hund hörte nicht zu. Vielleicht weil er so viel Fell in den Ohren hatte, dass er nicht hören konnte. Vielleicht weil Hunde Menschen generell nicht verstehen. Aber am ehesten, da er gerade seinem Conatus folgte, seinem Eros, dem Lebensdrang, und einem Dobermann – oder Doberfrau, um politisch korrekt zu sein –  zeigte, dass die Größe nicht das Ausschlaggebende ist. Wie verwandelt schien der Hund, der sonst an Abulie litt und jetzt rammelte, als hätte er seinen ganzen Élan vital für diesen einen Moment angesammelt. Schnell, bevor das Herrchen des Dobermanns aufmerksam wurde, zerrte er den Pudel von der Doberfrau. Konfrontationen mit Dobermannbesitzern ging man in seinem Alter möglichst aus dem Weg. Während der Professor die Straße überquerte, unsicher ob freiwillig oder nicht, folgte der Hund weiter seinem Animal Faith und rammelte Löcher in die Luft, was er erst wieder unterließ, als sie vor der Straßenban standen.

In der Bahn selbst entdeckte der Herr Professor eine schwarze Kritzelei an der Scheibe und dacht sich, man steigt nie zweimal in die gleiche Straßenbahn. Selbst die Spucke auf seinem Stofftaschentuch und sein zweiminütiges Rubbeln konnte diese Schmiererei nicht von der Scheibe lösen.

Hund und Mensch stiegen gerade aus der Straßenbahn und waren dabei, die letzte Kreuzung vor der Universität zu überqueren, da sah der Herr Professor sie.

Die rauschende Welt zu ihren Füßen. So stand sie da, seelenruhig im Wasser, während die Straße hastete. Auf dem Plakat hinter ihr stand: Wasser für die Seele, Sonne für die Haut. Sie schaute durch ihn hindurch, und doch sah sie ihn. Mit ihren Wimpern, die das Schlagen verlernt hatten, dem erstarrten Schmetterling, der nicht mehr fliegen konnte. Doch wer konnte es ihr verübeln bei dieser Kälte. Die Luft war schwebendes Eis. Da musste sie vor Kälte erstarren. Sie, die mehr Idee war als Materie, mehr Haut als Stoff. Ihr Bikini lag wie eine Haut auf einer Haut. Auf ihr, die für ihn nackt war, ohne sich auszuziehen. Denn auch er tat mehr, als sie nur zu sehen. Er sah in sie. Eidola.

In ihrer Starre wurden sie eins. Das erste Mal seit Ewigkeiten teilte er wieder etwas, und wenn es nur die Bewegungslosigkeit war. Das bewegte die Erinnerungen in ihm. Er zitterte.

Es riecht nach Sonnencreme. Sonnencreme riecht ein bisschen wie Milch, Parfüme und Sonnenblumen. Und doch riecht nichts wie Sonnencreme. Vielleicht doch der Sommer. Der Sommer von 1971. Und die Haut von Delila, die er gerade riecht, weil sie ihm nahe ist, um ihn seine Taucherweste festzuziehen. Sie trägt eine Haut auf ihrer Haut.

Von hier an geht es nur noch nach unten, sagt sie und verschwindet im Blau.

Er denkt an Epikur, der gesagt hat, dass der senkrechte Fall die Urform aller Bewegungen ist. Doch insgeheim weiß er, dass es nicht die Zeit zum Denken, zum Philosophieren ist.

Dann fällt er und verschwindet mit ihr. Langsam versinken sie im Himmel unter Himmeln. Er kennt sie erst seit drei Tagen, doch traut er ihr mehr als sich selbst. Er lässt sich von ihr an den Abgrund führen. Unter ihnen liegt die Dunkelheit. Über ihnen zersiebt die schimmernde Haut des Meeres das Sonnenlicht. Es sinkt mit ihnen und wird schwächer, bis es sich auflöst.

Auch er löst sich auf. Verliert sich im In-dem-Wasser sein. Er schwebt. Sie hat ihm fliegen beigebracht. Alles ist still, bis auf sein Atem, der umso lauter ist. Sie hat ihm schweigen beigebracht. Hat ihn ein- und ausatmen gelehrt. So muss man sich als Astronaut im Weltall fühlen. Er meditiert. Begegnet seiner Endlichkeit. Alleine ist er mit seinen Ängsten. Doch sie hat ihm Mut beigebracht.

Alles ist Wasser. Selbst die Seele ist Wasser. Sie fließt. Bis sie wieder auftauchen müssen.

Es ist das erst Mal, dass er am Meer ist. Es ist das erste Mal, dass Delila jemanden kennenlernt, der das erste Mal am Meer ist. Sie ist im Meer geboren. Dort will sich auch sterben, sagt sie. Die Menschen Seele gleicht dem Wasser, denkt er sich, doch sagt es nicht, denn eigentlich glaubt er nicht an die Seele. Er glaubt an nichts, außer an das, was er weiß. Sie glaubt an nichts, außer an das, was sie fühlt. Er weiß, dass sie ihn mag, auch wenn er das Gefühl nicht kennt. Sie fühlt, dass er sie mag, auch wenn sie das nicht weiß.

Der Tauchkurs ist vorbei, aber er muss erst am nächsten Tag abreisen. Ob er gerne Fisch ist, fragt sie ihn. Mir ist es egal, was ich esse, antwortet er, Hauptsache ich werde davon nicht krank. Warum hast du Angst vorm Krank sein. Weil mein Körper die Hülle meines Geistes ist, und ich ohne meinen Geist nichts bin. Sie blickt ihn fragwürdig an und schlägt dabei die Flügel ihrer Schmetterlingswimpern aufeinander. Ihre Augen wollen fliegen.

Wenn du krank wärst, könnte ich mich um dich sorgen, sagt sie und hilft ihm dabei den Reisverschluss seine Neoprenanzuges herunterzuziehen. Die Sonne schlüpft unter seine Haut. Das Wasser löst sich.

Schopenhauer hatte Recht, dachte er sich, jeder findet im anderen gerade das schön, was ihm selbst fehlt. Vielleicht hatte Thales auch recht und alles ist Wasser, ja selbst die Luft ist nichts, als entartetes Wasser. Dieses floss gerade in kalten Strömen auf seine Haut, denn es hatte eine Lücke zwischen Schal und Jacke entdeckt. Der Herr Professor zitterte.

Bald darauf bemerkte er, dass die Zeit wieder fortgeschritten war, ohne auf ihn zu warten, und so spurtete er sich, so schnell es seine schwachen Beine und das Gewicht seines Hundes es erlaubten. Hoffentlich stellten die Großmütter, die alles aus dem Fenster des Erdgeschosses beobachteten, nicht auch heute ihre Uhren nach ihm. Mit jedem schleifenden Schritt ließ er seine Erinnerung etwas weiter hinter sich, bis er schließlich in der Universität ankam.

Da es der letzte Tag des Jahres war, war kaum eine Menschenseele oder ein Student zu sehen. Eigentlich hätte der Herr Professor auch gar nicht in die Universität gehen müssen, aber er tat halt das, was er immer tat, exakt dann, wann er es immer tat, auch wenn er sich heute das erste Mal seit langem etwas verspätete.

Auf seinem Schreibtisch lagen die Stifte geordnet und gespitzt, gar überspitzt, in Reihe und Glied. Jede Farbe dieser Stifte hatte eine andere Bedeutung in seinem Notizensystem. Zuerst nahm er sich ein Buch, über das er seine Finger strich, dann öffnete er es und tauchte hinein. In den nächsten Stunden bewegte sich weder Hund noch Professor. Allein die sich wendenden Buchseiten verrieten gelegentlich das Stillleben.

Schließlich legte der Professor seine Brille ab und rieb seine Augen. Fast nichts war ihm näher als seine Brille. Sie hatte sich mit ihm verändert, auch wenn sie immer stärker wurde und er zunehmend schwächer. Das Leben ist ein großes Paradoxon, doch wie Kierkegaard schon sagte, die großen Wahrheiten der Welt waren alle paradox. Mit diesem Gedanken setzte er sich seien Brille wieder auf, ergriff einen Stift, genau wie ihn die cacoethes scribendi, die unersättliche Lust des Schreibens, und schrieb.

Sein ganzes Leben hatte er an diesem einen Werk gearbeitet, ohne es jemals vollendet zu haben oder es eines Tages vollenden zu können. Wie so viele vor ihm, ob Descartes oder Husserl, suchte er noch einem mathematischen Weg, der Wahrheit einen endgültigen Zugang von der Welt zu unseren Aussagen zu ebnen. Seine Suche war die nach der absoluten Gewissheit, der Wahrheit schlechthin. Mittlerweile war er jedoch müde geworden, selbst die Freude des Verstehens war nicht die, die sie einst war. Dieses ig­no­ra­mus et ig­no­ra­bi­mus, diese Unlösbarkeit der Welträtsel, hatte ihn so viele Haare gekostet, und doch arbeitete er geflissentlich weiter, denn wie Voltaire schon sagt, sollte man immer etwas zu tun haben, wenn man nicht Selbstmord begehen wollte.

Auf einmal weigerte sich seine Hand zu schreiben. Sie zitterte immer wieder einige Augenblicke, bevor er weiterschreiben konnte. Dieser Tanz eines Seismographen wurde erst unterbrochen, als das Zittern seinen ganzen Körper ergriff.

Eine Kerze wirft Schatten auf Delilas Dekolleté. Die Schatten tanzen auf ihr wie die zwei angetrunkenen auf der Tanzfläche. Auch sein Herz tanzt. Er kennt diesen schnellen Rhythmus nicht.

Und Arnold, hat dich der Fisch vergiftet? fragt sie ihn. Nein, sagt er. Darf ich mich also nicht um dich kümmern?

Er weiß nicht, was man auf so eine Frage antworten soll. Eigentlich weiß er nicht, was er auf die meisten ihrer Fragen antworten soll. Geschweige denn, was er sie zu fragen hat.

Er versucht abzulenken, indem er sein Fischmesser und seine Gabel nach kniggerischer Manier auf dem Teller platziert. Sie nimmt ihm die Gable weg und legt sie auf die weiße Tischdecke.

Warum machst du das? fragt er. Warum machst du das? fragt sie. Was? Na, das mit dem Besteck. Weil Ordnung das halbe Leben ist, sagt er. Und die andere Hälfte?

Er kennt die Antwort auf diese Frage nicht. Choas, Arnold. Wildes Chaos ist die andere Hälfte.

Er sieht den Schattentanz auf ihrer Brust, in seiner Brust, auf der Tanzfläche und sagt, man muss noch etwas Choas in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.

Wer hat das gesagt, fragt sie. Ein sehr einsamer und trauriger Mann.

Die tanzenden Schatten auf Delilas Brust fallen zusammen. Jemand hat die Kerzen ausgeblasen. Jemand hat das letzte Lied gespielt. Alle klatschen für die Tänzer. Nur Arnold, der klopft mit der Faustknöcheln auf den Tisch.

Warst du schon einmal nackt baden? fragt sie ihn. Nein, antwortet er. Willst du es ausprobieren? Arnold, komm schon.

Ihre Schmetterlingswimpern fangen wieder zu flattern an. Sie bringt ihm fliegen bei.

Es ist das erst Mal, dass er nackt baden geht. Es ist das erste Mal, dass Delila jemanden kennenlernt, der das erste Mal nackt baden geht. Sie wurde nackt geboren. So will sie auch sterben, sagt sie. Dann gleitet ihr Kleid über ihre Knie, ihre Knöchel auf den Boden. Die Schatten tanzen nicht mehr auf ihr, dafür aber das Mondlicht. Ein silberner Streifen zieht sich von ihrer Schulter, über ihre Taille und Po hin zu ihren Oberschenkeln und zerfließt schließlich im Meer. Als wäre sie ein Edelmetall das zerschmilzt und das Meer zum Leuchten bringt.

Komm, sagt sie.

Er kommt, aber nur in Unterhose. Sein hagerer Körper hat etwas Zerbrechliches. Vor ihr fühlt er sich dennoch nicht schwach. Auch wenn unter ihnen die Dunkelheit liegt.

Die Menschen Seele gleicht dem Wasser, sagt er.

Ihr silbernes Kettenhemd aus Wassertropfen bewegt sich in seine Richtung. Sie nimmt seine Hand und legt sie auf ihre Schultern. Ich mag deine weichen Hände, sagt sie, sie sind sehr einfühlsam.

Sie führt sie runter zu ihrer Brust. Er streift vorsichtig über sie. Ich mag deine rauen Fingerkuppeln, sagt sie, sie sind sehr männlich. Hast du schon einmal jemanden geküsst?

Er weiß immer noch nicht, was man auf so eine Frage antworten soll.

Es ist das erst Mal, dass er jemanden küsst. Es ist das erste Mal, dass Delila jemanden küsst, der das erste Mal küsst. Sie wurde küssend empfangen. So will sie auch sterben, sagt sie. Ja, jetzt könnte ich sterben, so nackt, im Wasser, dich küssend.

Das Kettenhemd löst sich auf in einzelnen Ringe auf. Eine weiße Unterhose treibt im Mondschein.

Spinoza hatte Recht, dacht er sich, Passionen hören auf Passionen zu sein, sobald wir uns eine klare und eindeutige Idee davon gemacht haben. Es half nichts, der Herr Professor brachte einfach kein Wort mehr zu Blatt. Außerdem knurrte sein Magen, oder war es der Hund, egal, das machte keinen Unterschied. So ging er in das Restaurant gegenüber der Universität, in das er immer ging, genau dann, wann er immer ging und bestellte genau das, was er immer bestellte: einen Braten mit Kartoffeln.

Während Hund und Mensch im Gleichtakt ihr zähes Fleisch wiederkauten und der Herr Professor in der Zeitung die neuesten Gedanken von gestern ruminierte, legte er ein paar Münzen in die goldenen Mitte des Tisches.

Als er dann die Rechnung zahlte, und der neue Wirt dabei war das Kleingeld auf dem Tisch als Trinkgeld zu nehmen, schnappte der Herr Professor es ihm vor seinen Augen weg, nahm die Hand vor Nase und Mund und sagte: „Wissen Sie es denn nicht?“

„Was denn?“

„Anscheinend nicht. Imbeziler Junge!“

„Imbe… was?“

„Imbezil! Egal. Ich kehre hier seit fast 40 Jahren ein, und jedes Mal lege ich diese Groschen auf diesen Tisch. Bekommen wird sie aber erst jemand, wenn meine Tischnachbarn nicht mehr über Affären der Hautevolle, menschlich, allzu menschlichen Sex oder andere dionysische Trivia sprechen. Jetzt wissen auch sie es. Nun geh‘ mir aus der Sonne.“

Der Wirt zog wort- wie trinkgeldlos, argumentum a silentio, davon. Der Herr Professor wollte gerade das Restaurant verlassen, da fing ihn ein Kollege der Soziologie-Fakultät ab und forderte ihn zu der Feier des Tages zu einem Billardspiel heraus. Widerwillig nahm der Herr Professor die Herausforderung an, nicht weil er seine kostbare Zeit mit einer Banalitäten wie dem Billardspiel vergeuden konnte, aber weil er seit dem Vorfall mit seiner schwachen Blase allen Grund dazu hatte, seinen Ruf wieder zurechtzurücken. Vor allen vor einem Soziologen.

Nachdem sie die Kugeln einige Zeit ad libitum über den grünen Teppich von der einen Seite auf die andere Seite gestoßen hatten, und der Herr Professor aufgrund seiner immer wieder zitternden Hände außer der Schwarzen nichts ins Schwarze traf, beendete er das Spiel mit den Worten: „Bemitleidenswert, dass sie so viel Zeit aufgebracht haben, um dieses Spiel der Art zu meistern.“

Draußen war es mittlerweile dunkel. Er ging einige Straßen in Richtung Heimat, machten sich Gedanken, ob der Weg hin und zurück der selbe sei, ließ seine Nase wieder seine Zähen küssen, schleifte den Hund hinter sich, bis seine Beine ihm versagten und er sich hinsetzen musste. Er saß dort einige Minuten auf einer Bank wie angefroren, bis zufällig seine Nachbarin aus dem Nichts, ex nihilo, auftauchte:

„Mei, Herr Professor, is Ihnen nich kalt?“

„Nein, nein, gnädige Frau, das geht schon. Vielen Dank noch einmal für heute Morgen.“

„Für was?“

„Für heute Morgen.“

„Ich habe Sie heute Morgen doch gar nicht gesehen.“

„Doch, sicherlich haben Sie.“

„Nein, sicherlich nicht, Herr Professor.“

„Natürlich habe Sie. Docta ignorantia. Der Hund ist mein Zeuge. Sag es ihr, Hund.“

Die Nachbarin schüttelte verwirrt den Kopf, wünschte dem Herr Professor einen guten Rutsch und machte sich dann so schnell davon, wie es ihre für ihr Alter hohen Absätze zuließen.

„Senile Schachtel“, sagt der Hund.

Bevor der Herr Professor antworten konnte, fuhr vor ihm ein geparkter Laster davon und erweiterte seine Lebenswelt um einen Horizont, so dass er sie wieder sehen konnte. Der schwarz-weiße Schnee zu ihren Füßen. Wie ein Meer aus gefrorener, schwarzer Sonnenmilch.

Sie hat sich nicht vom Fleck gerührt. Ihre Schönheit ist bewegungslos. Ein Moment gefangen in einem Viereck. Mit diesem Mund, der niemals müde wird vom Lachen. Das Lachen, das in die Backen Grübchen gräbt, ohne Pause. In diesen Graben will er sich legen, jedes Mal wenn er sie sieht. Ihr Lachen ist sein Tod, und sie ist sein Schmetterling im Glaskasten. Seit jeher trägt er sie mit sich.

„Dir muss doch kalt sein, so ohne Jacke“, sagt er.

Sie ist Bescheiden und sagt nichts. Er ist großmütige und legt ihr seine Jacke über die nackten Schultern, auch wenn es ihm selbst friert.

Er sagt: „Ich habe dich lange nicht mehr gesehen.“

Sie antwortete immer noch nicht, aber ihre Blicke, die sprechen, ihre Augen, die fragen.

„Du wolltest mich doch besuchen kommen. Wo bist du denn die ganze Zeit gewesen?“

Er sorgt sich um sie und gibt ihr seinen Schal.

„Ob ich an dich gedacht habe? Natürlich habe ich an dich gedacht, und als ich es nicht mehr aushielt, an dich zu denken, habe ich an alles andere gedacht.“

„Ob ich alleine war. Wie bemisst man Einsamkeit, wenn nicht in Gedanken?“

Der Wind drückt an seine Brust. Er zittert.

Eine weiße Unterhose ist gestrandet. Eine Haut schwappt an das Ufer. Mittlerweile muss Delila unzählige Male gestorben sein. So nackt, im Wasser, ihn küssend. Ihr ist kalt, sie zittert. Er umarmt sie, um sie zu wärmen. Sie zittern zusammen.

Ich bin auch Philosophien, sagt sie und wartet kurz. Ich liebe also bin ich, Coitus ergo sum, sagte sie und wartet kurz. Er lacht. Ihm ist kalt, aber lacht. Er lacht und weiß nicht warum. Von hier an geht es nur noch nach unten, sagt sie und wartet kurz. Dann taucht er zwischen ihre Beine.

Langsam versinken sie im Himmel unter Himmeln. Alles ist still, bis auf ihr Atem, der umso lauter ist. Sie hat ihm schweigen beigebracht. Hat ihn ein- und ausatmen gelehrt. Sonnencreme, alles riecht nach Sonnencreme. Als wäre das Meer ein Teich aus schwarzer Sonnenmilch.

Der Mond treibt auf diesem schwarzen Sonnenmilchmeer. Das Meer spült den Mond an den Strand. Der Mond liegt zu ihren Füßen. Sie liegt am Strand. Er liegt auf ihr. Seine rauen Fingerkuppen streichen über sie. Schüchternheit huscht über ihr Gesicht, hinterlässt rote Fußspuren. Dann sie auf ihm, dem unbewegten Beweger.

Er schwebt. Sie hat ihm Lieben beigebracht.

Weibliche und männliche Körper wiedersprechen sich, denkt er, obwohl er weiß, dass es nicht die Zeit für solche Gedanken ist. Langsam finden sie im Zwiegespräch der Nacht ihre gemeinsame Körpersprache.

Er schweigt. Sie schweigt. Die Nacht schweigt.

Es ist das erst Mal, dass sie jemanden zum Flughafen bringt. Es ist das erste Mal, dass Arnold jemanden kennenlernt, der das erste Mal jemand zum Flughafen bringt.

Der Flughafen ist ein Hafen ohne Meer, ohne Strand. Delila ist im Wasser geboren und will dort auch sterben, deswegen mag sie keinen Hafen ohne Meer.

Werde ich dich wiedersehen, fragt er.

Sicher, sagt sie, ich komme dich besuchen, und dann essen wir Fisch, und dann kümmere ich mich um dich, und dann…

Delila verschwindet so schnell sie kann, Arnold so schnell er muss. Bis es für ihn nur noch nach oben geht, in die Wolken, dem Himmel ohne Himmel, wo der Strand ganz klein wird. Nur von Delila trägt er großes Bild in seinem Kopf. Ein Schmetterling in seinem Glaskasten.

Ja, denkt er sich, alle Lust will Ewigkeit, und die Ewigkeit will alle Lust, denn ohne sie wäre sie unerträglich. Er sitzt vor ihr im Schnee, aber ihm ist nicht wirklich kalt. Sein Hund ist nicht mehr da, aber das ist ihm egal. Seine Oberschenkel werden warm und feucht, aber auch das ist ihm egal.

„Einige Wochen nachdem ich wieder zu Hause war habe ich in der Zeitung gelesen, dass eine Tauchlehrerin auf Bali ertrunken aufgefunden wurde. Sie war nackt.“

Sie lacht. Sie lachen zusammen. Ihnen ist kalt, aber sie lachen. Sie lachen und wissen nicht warum. Er gibt ihr seinen Pullover, denn er will nicht, dass sie friert.

„Ich hatte Angst, du könntest es gewesen sein. Und doch hoffte ich insgeheim, du wärst es gewesen. Denn dann wüsste ich, warum du mich niemals besucht hast. Ich hatte Angst vor dem Allein-Sein-zum-Tod. Aber jetzt bist du ja hier, und kannst dich um mich kümmern.“

Auf einmal beginnt die Welt um ihn herum zu zittern. Zu beben, zu zerfallen. Er ist eine Pendelfigur. Der Himmel explodiert, brennt gelb, rot, orangefarben. Auch die Erde lodert. Empyreum. Ekpyrosis. Menschen schreien und starren in den Himmel. In diesem blendenden Licht kann er sie nicht mehr sehen. Lumen. Wenn dies der Weltuntergang ist, dann weiß er, wie sie sterben will. Schwerfällig steht er auf. Die Kälte hat ihn schon halb vereist. Seine Beine sind gebrechliche Eiszapfen. Seine Wimpern sind starr, zusammengefroren. Er lehnt sich zu ihr hin. Es ist das letzte Mal, dass er jemanden küsst, dass sie jemanden küsst. Der Schmetterling bricht aus seinem Glaskasten.

… dann ergießt sich alles in schwarzer Sonnenmilch…

Als zwei Tage später der Plakateur zu dem Bademode-Poster schlenderte um es zu überkleben, fand er einen erfrorenen Mann darunter. Dieser lag in einer Fitze aus geschmolzenem, schwarzen Schnee. Der Himmel spiegelte sich darin. Zuerst drehte sich der Plakateur aus Ekel um, dann brachte ihn der neugierige Teil seine Seele doch dazu, noch einmal nach dem Toten zu blicken. Der Plakateur fragte sich, warum der Mantel und andere Kleidungsstücke neben dem Toten lagen, während er halb nackt in dem eisigem Wasser lag. Noch fragwürdiger war, warum die aufgeschlissenen Lippen des Erfrorenen sich zu solch einer blauen Mondsichel formten. Es war ein gefrorenes Lachen im vereisten Moment. Ein grübchenloses Lachen. Liebe.

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2 thoughts on “Das gefrorene Lächeln

  1. du hast mir die Geschichte schon oft vorgelesen, gerade habe ich sie wieder gelesen und sie berührt mich immer wieder von Neuem.

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